Der Gentleman des Rap - Ist Shindy ein kritischer Mann?

von Markus Textor

Shindy hat im deutschsprachigen Hip-Hop einen neuen Typ Mann etabliert: Den Gentleman. Ein Rapper, der sich als stilvoller Kavalier geriert (zumindest in seinen aktuelleren Texten) und darüber hinaus die Rezeption der feministisch gelesenen Rapperinnen der 00er Jahre beherrscht wie kein zweiter. Doch ist dieser Männlichkeitsentwurf wirklich anschlussfähig für das Konzept der Kritischen Männlichkeit?

 

Shindy verkörpert weder einen rüpelhaften Gangsterrapper wie sein Ziehvater Bushido, einen testosterongesteuerten Muskelmacho wie Farid Bang, einen plakativen Frauenfeind wie Gzus, noch ist er in irgendeiner Weise politisch wie die Kollegen von KIZ.

 

 

Der 1988 als Michael Schindler geborene Rapper vertritt aber auch keine gespaltene Männlichkeit, so wie sie derzeit besonders gefeiert wird. Während Megastar UFO361 zwischen depressiver Stimmung und manischem Dandytum oszilliert, bewegt sich die Rap-Identität des anderen Superstars Capital Bra zwischen der Figur des treusorgenden Familienvaters und der des kaltblütigen Gangsters.

 

Obwohl sich diese unkonventionellen Männlichkeitsentwürfe gerade bei jüngerem Publikum gut verkaufen, fällt Shindy vor allem durch einen klassischen Männlichkeitsentwurf auf. Er ist ein galanter Playboy, wie er im Buche steht. Um es pointiert darzustellen: Er ist so etwas wie der James Bond des deutschsprachigen Raps, was er in einem jüngst erschienen Lied mit Haftbefehl auch selbst so darstellt. Im Gegensatz zu 007 schießt er aber weder, noch ist er Alkoholiker. Ganz im Gegenteil. Shindy trinkt am liebsten Cola light aus Flaschen, die so klein sind, dass sie nahezu in seiner Hand verschwinden. Dies liegt aber nicht daran, dass Shindy auf Diät ist, sondern dass er gentlemanlike auch die Zurückhaltung beherrschen kann, wenn dies angebracht ist.

 

Während die Kollegen der 187 Straßenbande sinnbildlich im Cognac der Edelmarke Hennessy baden, ohne den Namen des Getränks überhaupt richtig aussprechen zu können, genießt Shindy im Song „Raffaello“ den Gruß aus der Küche von der Etagere und vernascht zum Nachtisch ein Macaron. Generell legt er sehr viel Wert auf gute Speisen und Getränke, da darf eine Flasche Wasser schon mal 75 Euro kosten wie im Song „Venedig“. Apropos Alkohol und Drogen: Sicherlich trinkt Shindy mal ein Gläschen, aber richtig „betrunken“ und „voll auf Drogen“, so wie sein Kollege Samra, der im Rausch so heftig mit seiner Freundin streitet, dass „die Stimme bricht“, wird man ihn sicherlich nicht erleben. 

Nun aber zum nächsten großen Thema in Shindys Rap: Die Frauen. Ganz im Gegenzug zu anderen Rappern hat Shindys Rap-Persona gar keine Freundin, also kann er auch mit keiner streiten. Die Frauen, die von ihm verwöhnt werden, nennt er konsequent „Bitches“. Dies wirkt aber keineswegs so abwertend wie man es zunächst vermuten könnte: Es scheint fast so, als hätte Shindy die feministische Resignifikation (Reclaiming) des Begriffs „Bitch“ verstanden, um sie clever zu verwenden, um somit nicht in die gleiche Misogyniefalle zu tappen wie andere Kollegen.

 

 

Auf seinem aktuellen Album „Drama“ gibt es zahlreiche Referenzen auf Rapsongs der 00er Jahre. Dem Zeitalter, in dem er selbst sozialisiert ist. Bei der Rezeption bezieht er sich auf viele Songs, die heute in feministisch geschulten Hip-Hop-Kreisen gefeiert werden wie eh und je. Shindys Referenzrahmen reicht hier von Destiny‘s Child über Aaliyah bis zur feministischen Ikone Khia. Darum dürfte auch nicht verwundern, warum der Gentlemen von der Gralshüterin des deutschen Queerfeminismus‘ Hengameh Yaghoobifarah und anderen queerfems auf Spotify hoch und runter gehört wird. 

Frauen verwöhnen als Ausdruck von männlicher Herrschaft

Textlich lässt Shindy mit den Frauen, pardon, „Bitches“ nichts anbrennen. Sie werden verwöhnt bis zum Gehtnichtmehr, sexuell, aber auch materiell. Shindy, der Gentleman, der sich gerne „Daddy“ nennt, tut alles, was in seiner Macht steht, um seinen Bitches Genuss zu bereiten: Sei es eine heiße Nacht in Venedig oder im Waldorf-Astoria, eine Shoppingtour in Mailand oder Florenz, oder einfach nur ein Ausflug im „koksweißen“ Mercedes-Cabriolet. Was dabei in Shindys Erzählung nicht ausbleiben darf, ist, dass die Frauen die Begegnung befriedigt verlassen. Eigentlich wäre dies alles sehr begrüßenswert, doch die Sache hat hier einen entscheidenden Haken: Das Verwöhnen dient in erster Linie Shindys Genuss - Frauen sind für ihn ebenso Ware wie die teuren Speisen und Getränke, die er konsumiert. Wenn er Frauen sexuell und materiell befriedigt, dient dies dem Zweck, sich in seiner Männlichkeit zu bestätigen. Der Soziologe Pierre Bourdieu hat diese Zusammenhänge in seinem Buch „Die männliche Herrschaft“ unverkennbar dargestellt: Frauen um jeden Preis Genuss zu bereiten kann zwar auch männlichkeitskritisch intendiert sein, kann aber genauso – und dies ist bei Shindy der Fall – Ausdruck von männlicher Herrschaft sein.

Verdeutlicht werden kann dieses Verhältnis an Shindys Streit mit der Rapperin Shirin David, die in der Hip-Hop-Szene gerne als deutsche Nicky Minaj bezeichnet wird. Daran wird sichtbar, was in Shindys Texten nicht vorkommt, also was mit dem Gentleman passiert „wenn der Beat nicht mehr läuft“: Wenn die Frauen nicht so parieren wie es dem Daddy in den Kram passt, ist das „Drama“ groß. Dies war der Fall, als Shirin David mit der Aufnahme zum Shindy-Song „Affalterbach“ doch nicht ganz zufrieden war und ihre Kollaboration beendet hatte. Es gab ein Hin und Her auf Instagram und Shindy war plötzlich eher Scheusal als Gentleman. „Du bist keine Beyoncé“, soll er zu ihr gesagt haben. Dieser Größenwahn zeigt einerseits, dass hier die Zurückhaltung komplett abhanden gekommen ist und andererseits, dass er nur so lange Gentleman ist, wie es ihm in den Kram passt. Dies haben sicherlich viele dieser sogenannten Gentlemen gemein. Sie sind respektvoll und bereiten den Frauen Genuss, jedoch unter der Prämisse, selbst maximalen Genuss zu bekommen und dadurch auch noch in ihrer Männlichkeit bestätigt zu werden.

Unter dieser Prämisse lässt sich auch Shindys Musikgeschmack und -rezeption einordnen: Warum nicht auch selbst Beyoncé hören, wenn es den Genuss der Bitches und somit seinen eigenen stillt? Shindy mag sich zwar zum Gentleman stilisieren, doch anschlussfähig an eine kritische Männlichkeit ist dieser Entwurf von Maskulinität bei weitem nicht. Aber das stört ihn nicht im geringsten, um an dieser Stelle eine ältere Zeile aus dem Song „NWA“ zu zitieren: „Bitch, ich bin der Shit, nerv mich nich', auf mei'm Superstar-Trip“. 

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